Der weinende Jesus. Und er tut das ja nicht nur im Johannesevangelium! Schon als Kind hat mich schwer irritiert, dass so ein gstandenes Mannsbild ganz einfach anfängt zu heulen. Denn sowas kam in meiner damaligen Welt einfach nicht vor: Da weinten die kleinen Kinder und auch die Frauen, aber praktisch nie die Männer. Sowas ist mir erst viel später begegnet, genauer gesagt in Brasilien, auf Beerdigungen, wo lauter schluchzende Männer um den offenen Sarg standen. Und ich deutscher Knochen dann irgendwie peinlich berührt war.
Jesus weint. Warum? Aus zwei Gründen. Zum einen, weil er halt alles andere als hartherzig war, sondern im Gegenteil sehr sensibel, sehr empathisch, d.h. mit jedem einzelnen Menschen mitfühlend. Also wenn bei uns ein Mensch als „sensibel“ tituliert wird, schwingt da nach wie vor eine gewisse Kritik mit: Der soll sich doch nicht so haben! Zusammenreißen heißt die Parole! – Jesus aber war, Jesus ist sensibel!
Zum anderen hatte Jesus es gar nicht nötig, als cooler oder harter Kerl rüberzukommen. Er stand doch absolut über so einem spätpubertären Männlichkeitsgetue. Als er dann aber gefoltert und gekreuzigt wurde, da konnte alle Welt sehen, dass dieser feine und sensible Mensch auch leiden konnte, leiden an Leib und Seele. Aber halt auch wieder aus Empathie. Denn er wusste genau: Ich bin das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt!
Der weinende Jesus. Für die Männer unter uns ein echter Appell, über unser persönliches Männerbild nachzudenken. Und für uns alle die Wieder-Entdeckung, dass dieser Jesus auch mit mir mitfühlt, mitweint, wie sonst kein Mensch auf dieser Erde!
Der weinende Jesus. Bild und Thema genug für die aktuelle Passionszeit!
Es grüßt Euer Lorenz Künneth
