PAUL GERHARDT – Stationen seines Lebens

1607: Paul Gerhardt wird am 12. März in Gräfenhainichen (im Landkreis Wittenberg) geboren. Sein Vater Christian ist Gastwirt und Bürgermeister, seine Mutter Dorothea Tochter eines evangelischen Pfarrers. Paul hat drei Geschwister: Christian (1605), Anna (1612) und Agnes (*1619).

1618: Mit dem „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai beginnt der Dreißigjährige Krieg. Zunächst ein Religionskrieg, später ein Territorialkrieg, der ganz Europa in bis dahin nicht gekanntes Leid stürzt.

1619: Tod des Vaters

1621: Tod der Mutter. Paul Gerhardt ist mit 14 Jahren Vollwaise.

1622 – 1627: Paul Gerhardt besucht – wie schon sein Bruder Christian – die Fürstenschule St. Augustin in Grimma, eine Schmiede des sächsischen Beamten- und Pfarrernachwuchses, wo er in den „Freien Künsten“ Rhetorik, Dialektik, Musik und Poetik unterrichtet wird. Er absolviert die Schule erfolgreich, im Abschlusszeugnis wurden ihm Fleiß, Gehorsam und Talent bescheinigt.

1628: In Wittenberg, dem Zentrum der lutherischen Orthodoxie, studiert Paul Gerhardt Philosophie und Theologie. Sein Studium finanziert er durch eine Tätigkeit als Hauslehrer. In der Stadt suchen zu dieser Zeit viele Menschen vor dem Krieg Zuflucht, außerdem grassiert dort 1636/1637 die Pest. Ebenfalls 1637 wird seine Geburtsstadt von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. Erfahrungen, die Paul Gerhardt tief prägen.

Nikolaikirche Berlin-Mitte (upload.wikimedia.org)

1643: Paul Gerhardt geht nach Berlin, wo – bedingt durch Krieg und Pest – von den ursprünglich 12.000 Einwohnern nur noch 5.000 leben (zum Vergleich: heute 3,9 Millionen). Er arbeitet wieder als Hauslehrer und übernimmt – obwohl nicht ordiniert – Predigtdienste an der Nikolaikirche. Dort wirkt seit 1622 Johann Crüger (1598-1662) als Kantor. Zwischen ihm und Gerhardt entsteht eine langjährige freundschaftliche Zusammenarbeit, ohne die die Bekanntheit und Verbreitung der Lieder Paul Gerhardts nicht denkbar wäre. Die Kriegserlebnisse verarbeitet Gerhardt in Liedtexten, in die er auch theologische Themen einfließen lässt. Damit gibt er den Zeitgenossen neuen Mut und neue Hoffnung. Als Crüger sein 1640 erstmals erschienenes Gesangbuch 1647 erneut auflegt, enthält es bereits 18 Lieder von Paul Gerhardt – bis zur 5. Auflage 1653 erhöht sich die Zahl auf 82.

1647: „Auf, auf mein Herz, mit Freuden“ (EG 112); „Nun danket all und bringet Ehr“ (EG 322); „Wach auf, mein Herz, und singe“ (EG 446).

1651: Drei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wird Paul Gerhardt als Propst (Dekan) nach Mittenwalde, südöstlich von Berlin, berufen, nachdem er zuvor in Berlin zum Pfarrer ordiniert worden ist.

1653: „Wie soll ich dich empfangen“ (EG 11); „Geh aus, mein Herz“ (EG 503, allerdings mit anderer Melodie); „Befiehl du deine Wege“ (EG 361); „Fröhlich soll mein Herze springen“ (EG 36); „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37 mit Melodie von Johann Sebastian Bach); „Du meine Seele singe“ (EG 302); „Lobet den Herren alle, die ihn ehren“ (EG 447);“Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324); „Nun lasst uns gehn und treten“ (EG 58); „Zieh ein zu deinen Toren“ (EG 133).

1655: Mit 48 Jahren heiratet Paul Gerhardt Anna Maria Berthold, bei deren Vater er in Berlin als Hauslehrer tätig war.

1657: Die Tochter Maria Elisabeth stirbt mit nur acht Monaten. Von weiteren vier Kindern wird nur der Sohn Paul Friedrich seinen Vater überleben. Im gleichen Jahr wird Paul Gerhardt ins Pfarramt zurück an die Nikolaikirche in Berlin berufen.

1662: Johann Crüger stirbt. Sein Nachfolger als Kantor an St. Nikolai wird Johann Georg Ebeling (1637-1676), mit dem Paul Gerhardt die kongeniale Arbeit der Vertonung seiner Lied-Gedichte fortsetzen kann.

Lübben, Paul-Gerhardt-Kirche

1666: „Die güldne Sonne voll Freude und Wonne“ (EG 449); „Gib dich zufrieden und sei stille“ (EG 371); „Du meine Seele singe“ (EG 302, Melodie 1666); „Warum sollt ich mich denn grämen?“ (EG 370, Text 1653).

Paul Gerhardt gerät in diesem Jahr in einen inner-evangelischen Konflikt, der für uns heute schwer nachvollziehbar ist. Der preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm war – geprägt von den Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs – daran interessiert, in seinem Land Frieden zwischen den verschiedenen Konfessionen zu haben. Er selbst gehörte mit seinem Hofstaat der reformierten Kirche an. Deshalb verlangte er von den Lutheranern Toleranz gegenüber der theologischen Lehrauffassung der Reformierten. Der Hauptstreitpunkt war das unterschiedliche theologische Verständnis der Sakramente. Für die Lutheraner standen die Reformierten nicht im „rechten Glauben“. Der Kurfürst ordnete Religionsgespräche an, weil er sich erhoffte, dass Lutheraner und Reformierte Gemeinsamkeiten erkennen würden. Dieser Erfolg trat nicht ein. Im Gegenteil: Die Differenzen vertieften sich. Nun verlangte der Kurfürst per Edikt Toleranz von den Lutheranern. Jeder lutherische Theologe hatte dies mit seiner persönlichen Unterschrift zu beglaubigen, sich von nun an gegenüber Andersglaubenden tolerant zu verhalten. Am 31. Januar 1666 sollte auch Paul Gerhardt unterschreiben. Er tat dies aus Gewissensgründen nicht, bedeutete es für ihn doch die Verleugnung des lutherischen Bekenntnisses und der Konkordienformel, auf die er verpflichtet und 1651 ordiniert worden war. Daraufhin wird er seines Amtes enthoben. Die Berliner Bürger, der Magistrat und die Zünfte richten mehrere Gesuche an den Kurfürsten mit der Bitte, Paul Gerhardt in seinem Amt zu belassen, was letztlich auch auf seine Bekanntheit und Beliebtheit zurückzuführen ist. Kurfürst Friedrich Wilhelm lehnt ab. Erst als die Landstände die Wiedereinsetzung von Paul Gerhardt in sein Amt verlangen, wird diesem Ansinnen stattgegeben.
Paul Gerhardt verzichtet jedoch und geht nach Lübben im Spreewald, das damals in Sachsen und somit außerhalb des kurfürstlichen Einflussbereichs lag. Der 11. Vers seines schon 1653 gedichteten Liedes „Ist Gott für mich, so trete“ (EG 351) bewahrheitet sich: „Die Welt, die mag zerbrechen, du stehst mir ewiglich; kein Brennen, Hauen, Stechen soll trennen mich und dich; kein Hunger und kein Dürsten, kein Armut, keine Pein, kein Zorn der großen Fürsten soll mir ein Hind‘rung sein.“

1667: Eine erste Gesamtausgabe mit 120 Liedern von Paul Gerhardt, die „Geistlichen Andachten“, erscheint unter der Leitung von Johann Georg Ebeling.

1668: Am 5. März stirbt seine Frau Anna Maria mit 45 Jahren. Im Oktober wird Paul Gerhardt als Archidiakon (2. Pfarrer) an die Stadtkirche von Lübben berufen.

1669: Seine Amtseinführung in Lübben findet am 16. Juni statt – die Verzögerung liegt u.a. an der nicht rechtzeitig fertiggestellten Pfarrwohnung. (Ähnlichkeiten mit heutigen Verhältnissen rein zufällig.) Sein Sohn Paul Friedrich und seine Schwägerin begleiten ihn.
In Lübben entstehen keine Lieder mehr. Die geistlich-seelsorgerliche und die organisatorische Arbeit leistet Paul Gerhardt zur Zufriedenheit der Kirchengemeinde, wenngleich der Magistrat beanstandet, dass er das Bier nicht von den örtlichen Brauern sondern aus Torgau bezieht und bei Amtshandlungen die weltliche Perücke statt dem Birett trägt.

1676: Am 27. Mai stirbt Paul Gerhardt im 70. Lebensjahr und wird am 7. Juni im Altarraum der Lübbener Stadtkirche beigesetzt. Die genaue Grabstelle ist unbekannt.


Zusammengestellt von Alexander Schöttl

Artikel aus dem Gemeindebrief Herbst 2026, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.