70 JAHRE – Ein Spaziergang durch unsere Kirche

Liebe Leserin, lieber Leser, kommen Sie gerne mit und begleiten Sie unseren Stadtkirchner Alexander Schöttl auf einem Spaziergang durch seine Paul-Gerhardt-Kirche. Ganz bewusst verzichten wir auf eine opulente Bebilderung – viel eindrücklicher ist es, wenn Sie unsere Kirche mit Ihren eigenen Augen sehen und die Details selber entdecken, am besten vor Ort mit diesem Gemeindebrief in der Hand…

Die Paul-Gerhardt-Kirche ist nicht leicht zu finden. Wer zu ihr will, muss sie suchen. Sie drängt sich nicht auf, steht nicht an einer Hauptstraße oder an einem belebten Platz. Vom Laimer Anger aus kann man zwischen den Bäumen den Turm sehen. Unüberhörbar die Glocken.

Wer sie gefunden hat und vor ihr steht, ist beeindruckt von der Größe und Masse, der Höhe des Kirchenschiffs und des Turms. Für unzählige Fußballspiele bildete ihr (bewusst) fensterloser Rücken die Kulisse. Burgartig wirkt sie, aber nicht abweisend, sondern schützend, mit ihren Ziegelmauern, die sie von der Umgebung abheben und Jahrzehnte später an der Lukasschule gegenüber kopiert wurden.
Ziegel = Evangelisch?

Der schönste Blick von Südosten – mit der großen Wiese und den alten Bäumen davor, die die Häuser auf Distanz halten und den kantigen Bau nochmal betonen. Nie wieder wurde nach dem Krieg eine größere evangelische Kirche in Südbayern gebaut.

Wer hinein will, muss durch einen Innenhof an der Nordseite – von vielen schnell durchquert, Fahrradabstellplatz, aber auch Treffpunkt, Sammlungs- und Ruheort – Kirche vor der Kirche.
Die Treppe zum Portal, dem Gemeindesaal im Untergeschoss geschuldet und für viele eine Herausforderung (aber es gibt – Gott sei Dank – einen Aufzug), verlangsamt den Schritt – man fällt in die Kirche nicht hinein wie in ein Kaufhaus oder einen Supermarkt.

Das Portal lädt ein und sagt, was hier geschieht: „Kommt und lasst uns Christum ehren“ – die Einladung (nach einem Lied von Paul Gerhardt) gilt allen. Durch wie viele Türen gehen wir jeden Tag? Wie oft stehen wir vor verschlossenen Türen – innerlich und äußerlich? Die Türen hier sind offen, für alle – auch unter der Woche für die, die mit Gott lieber alleine sein wollen.

Die Einstimmung von draußen geht im dämmrigen Vorraum weiter. Ursprünglich mit einem kleinen Altar vor der Fensterwand, zur persönlichen Andacht. Heute noch mahnt hier still das Kriegerdenkmal zum Frieden, erinnert an die Vorväter und auch daran, dass die Geschichte der Gemeinde älter ist als die Kirche.

Dann: Aufatmen! Ja: Der Raum atmet – Weite, Helle, Wärme, Segen. Setzen wir uns in die hinteren Reihen, werden still und lassen den Blick schweifen. Die hohen, fensterlosen Wände. Wieder ein Hof, der die Gemeinde umschließt, schützt und birgt im warmen Rot. Die – hier erstmalig – kunstvoll angeordneten unverputzten Ziegel wollen mehr sein als nur christliche Tapete. „Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause“ schreibt Petrus. Wir alle sind Kirche. Keine/r gleicht dem anderen. Jeder hat seine Kratzer, Schrammen und Macken. Und jede/r ist wichtig und berufen „zur heiligen Priesterschaft“
(1. Petrus 2,5).

Über allem schwebt der weiße Deckenbaldachin, würdevoll auf hohen, schlanken Stützen, die Heiligen und das Heilige schützend – tonnenschwer und doch leicht und luftig. Das Licht kommt von oben, vom Himmel – am Vormittag strahlend von Osten, am Nachmittag alles vergoldend von Westen – die Fenster auf der gegenüberliegenden Wand widerspiegelnd – wunderschön. Die Kabel der Lampen wiederholen die Bögen der Gewölbe und von einem ganz bestimmten Platz aus kann man die Kirchturmuhr sehen. Die Decke erinnert auch an ein Zelt, ans Unterwegssein. Ja, wir sind unterwegs, zur bleibenden Stadt (Hebräer 13), da wo alles einmal ganz anders und das scheinbar Wichtige hier ganz unwichtig sein wird.

Der Blick geht zum Kreuz – unweigerlich, unübersehbar. Ohne Kreuz keine Kirche. Früher allein an der Wand und vielleicht noch prägnanter, später flankiert von den beiden Wandteppichen Ostern (links) und Pfingsten (rechts) mit den einzigen figürlichen Darstellungen in der Kirche. Das Kreuz ist das Zeichen der Christen, Zeichen des Leides und des Todes – aber mehr noch: Zeichen des Sieges, des Lebens. Jesus ist auferstanden, Jesus lebt. Silberstrahlend verkündet es Ostern. Das Kreuz als Hoffnungs- und Trostzeichen, in Kirchen und Wohnungen, auf Türmen, an Halsketten und auf der Haut. Geliebt, verehrt, aber auch missverstanden und missbraucht. Von den frühen Christen mit Edelsteinen geschmückt, bei uns mit christlichen Symbolen versehen. Gehen Sie mal auf Entdeckungsreise.

Mächtig und massiv darunter der Altar – über dem Opferblock des Alten Bundes mit Pfau und Schlange versteckt im Relief der Tisch mit den vier Füßen des Neuen Testamentes, geschmückt mit Blumen und Decke und den Farben des Kirchenjahres, dauerhaft einladend zum Mahl: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“

Die 12 Leuchter stehen für die 12 Jünger, mit denen Jesus Mahl gehalten hatte. Unser Halbkreis beim Abendmahl wird mit ihnen zum Kreis – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich hier. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt“.
Kein Gold, kein Silber, sondern Schmiedeeisen – ungewöhnlich, aber ausdrucksstark. So wie das Altarkruzifix – „Crux“ = Kreuz, „Fixieren“ = Festnageln. Christus, mit Dornen gekrönt, gestorben für dich, für mich – auf Augenhöhe, im Leiden da.

Rechts noch die Kanzel, ein Sechseck wie die Säulen, der Prediger erhöht über der Gemeinde, damals noch unverzichtbar. Aber er steht nicht über der Gemeinde, er steht auf dem Boden des Evangeliums, auf den (Symbolen der) vier Evangelisten, in Stein gehauen.

Links der Taufstein, viel wichtiger, als er aussieht, weil hier alles beginnt. Drei Fische im Netz erinnern an die Dreieinigkeit, in deren Namen hier getauft und Menschen „gefischt“ werden und die 12 Ecken an die 12 Apostel, auf deren Grund wir stehen (Epheser 2, 20).
Und immer wieder die Taube – auf dem Taufsteindeckel und über der Osterkerze – Symbol des Heiligen Geistes „der Herr ist und lebendig macht“. Ohne Geist kein Glaube, keine Kirche, keine Gemeinde.

Rechts an der Wand vier bunte Quadrate, auf denen Symbole des dritten (gelb), vierten (blau), fünften (grün) und sechsten (rot) Schöpfungstages zu sehen sind – verbunden durch einen Fisch, dem ältesten christlichen Zeichen, griechisch „Ichthys“ mit den Anfangsbuchstaben von „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“.

Und dann die Orgel! Eindrucksvoll aufgeteilt thront sie über der Gemeinde und braust durch den Raum – und wenn der Zimbelstern sich dreht, drehen sich alle um. Unverzichtbar die Musik, der Lobpreis im Gottesdienst. „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“ so Martin Luther. Die Evangelischen singen – gerne und viel. Die Orgel und die große Empore erinnern daran – Paul Gerhardt würde sich freuen – „Du meine Seele, singe…“
Nochmal ein Blick zurück: Auffallend, wie stark in diesem bis heute unveränderten Raum der damalige katholisch-vorkonziliare Kirchenbau Vorbild war – mit dem betonten „Hochaltar“ an
der Wand, einer ursprünglich geplanten Apsis (halbkreisförmige Nische) dahinter, die aber dann nicht ausgeführt wurde, dem ehemaligen „Werktagsaltar“ im Vorraum und der Omnibussitzordnung der Bänke hintereinander. Der/die Pfarrer/in am Altar mit dem Rücken zur Gemeinde gibt die Richtung vor – eigentlich nach Osten (hier fälschlicherweise nach Süden), zur aufgehenden Sonne, zum Orient. Wir sind orientiert – auf Christus hin, den Auferstandenen. „Kommt und lasst uns Christum ehren“.

Alexander Schöttl