MARIA – Mit Martin Luther Maria ehren

Diese Überschrift mag für evangelische Ohren etwas provokativ klingen. Viele Protestanten tun sich schwer mit Maria und für manche ist sie sogar ein rotes Tuch. Als Kind, das in Oberbayern aufgewachsen ist, hörte ich immer wieder: »Wir sind nicht katholisch. Wir glauben nicht an die Maria und wir beten nicht zur Maria«. Dabei gefielen mir die etwas gefühlvollen Marienandachten im Mai ausgesprochen gut und ich wäre gerne mit meinen Klassenkameradinnen dorthin gegangen.

Die Ablehnung der Marienverehrung gilt landläufig als Unterscheidungsmerkmal zwischen evangelischem und katholischem Glauben. Die Gestalt der Maria ist bis heute fast so etwas wie ein Konfliktpunkt. Doch stimmt der Satz, den man als Evangelischer oft zu hören bekommt: »Ihr glaubt‘s nicht an die Maria?!«
Es lohnt sich hinzuschauen und zu fragen, wie denn Martin Luther Maria gesehen hat. Er hatte ein ausgesprochen inniges Verhältnis zur Mutter Jesu. Luther hat sie geachtet und verehrt und es geht bei ihm nie gegen Maria.
Um das genauer zu verstehen, ist hilfreich, sich mit einem ausgesprochenen Kleinod aus Luthers Schriften zu beschäftigen, seiner Auslegung zum Magnificat (Lukas 1,46-55). Im November 1520 machte Martin Luther sich ans Werk, diesen Lobgesang Mariens auf Gottes Heilswirken zu kommentieren. Der erst 18-jährige Herzog Johann Friedrich von Kursachsen hatte ihn gebeten, ihm ein Lehrbuch des guten Regierens zu verfassen, und der Reformator wählte genau diese Schriftstelle zum Grund seiner Darlegungen.

Was ihm dabei am Herzen lag, war die Beziehung von Mutter und Sohn ins rechte Licht zu rücken. Bei der Hinwendung zu Maria darf der Sohn nicht aus dem Blick geraten. »Doch sollen wir die Mutter also loben und preisen, dass wir uns dies Kindlein, das sie geboren hat, aus den Augen und Herzen nicht hinweg reißen lassen, noch diesen Schatz, der uns geboren ist, geringer achten als die Mutter.«

Es ist die Maria der Evangelien, die Luther uns wie ein Vorbild vor Augen stellt. Maria ist von sich aus lediglich eine junge Frau niederen Standes. Das Besondere an ihr ist, dass Gott sie zu dem gemacht und berufen hat, was sie ist: Mutter seines Sohnes. Er hat sie mit Demut begabt und ihr geschenkt, dass sie auf ihn hören und den Menschen fröhlich dienen kann.

Diese Maria, die sich von Gott beschenkt weiß, achtet Luther hoch. In seiner Sprache schwingt große Zuneigung mit, wenn er sie die heilige Jungfrau und die zarte Mutter Gottes nennt. Er vermag in höchsten Tönen von ihr zu sprechen: »Maria ist das edelste Kleinod nach Christus in der ganzen Christenheit«. Es wird überliefert, dass in Luthers Studierzimmer sogar eine Mariendarstellung gehangen haben soll.
Luthers Bild Marias steht damit aber im Gegensatz zu den Marienbildern der spätmittelalterlichen Frömmigkeit. Sie sah in Maria die tugendhafte Frau, die es verdient hat, die Mutter des Gottessohnes zu werden. Ihre verdienstvolle Demut gab ihr einen Platz, der höher ist als der aller anderen Heiligen. Damit rückt sie nahe an die Göttlichkeit heran. Verständlich, dass Maria so für viele Menschen zur Mittlerin und Fürsprecherin Nummer eins wurde, wenn es darum ging, wichtige Anliegen zu Gott zu bringen. Von dort ist es allerdings nur ein kleiner Schritt, sie zur Mit-Erlöserin zu machen. Dieser Gedanke findet sich bereits im 2. Jahrhundert bei einigen Kirchenvätern.

Pieta, St. Ulrich
Pieta, St. Ulrich

Maria zu ehren ist Luther wichtig. Die Art, wie wir es tun, hängt von der Art ab, wie wir Maria sehen. War sie die, die von sich aus voll der Gnade war, oder war sie die Begnadete, die Gott mit Gnade beschenkt hat? Die katholische Sicht entspricht mehr dem ersten. Deshalb wird in der römischen Kirche auch die Marienverehrung praktiziert und die Fürsprache Marias erbeten. Im evangelischen Glauben ist Maria eine menschliche Person. Der Erlöser ist allein Jesus Christus. Durch Jesus finden wir direkten Zugang zu Gott. Maria aber hat trotzdem einen einzigartigen Platz. Gott hat sie ausgesucht, die Mutter seines Sohnes zu sein. Er hat es geschenkt, dass sie mit Vertrauen in diesen Weg eingewilligt hat. Wie Paulus würde auch sie von sich sagen: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin«.

Was Luther wichtig war: Wir sollen Maria nicht als Heilige verehren, aber sie verdient besonderen Respekt! Er wollte, dass wir sie achten als Mutter unseres Herrn und als die Frau, die durch Gottes Gnade für uns alle zum Vorbild des Glaubens wurde. Maria ehren könnte so heißen, einstimmen in das Lied, mit dem sie selbst die Barmherzigkeit Gottes preist als Schlüssel für alles andere.

Pfarrerin Brigitte Fietz

Artikel aus dem Gemeindebrief Winter 2025, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.