MAGNIFICAT
Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mäch-tig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er gere-det hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. Lukas 1,46-55
Im Laufe der Jahre widmete sich der Paul-Gerhardt-Chor einige Male der Aufführung von Vertonungen des Magnificats. Angeführt seien hier: Werke von Arvo Pärt, Johann Sebastian Bach, John Rutter und Carl Philipp Emanuel Bach. Über Jahrhunderte hat das Magni-ficat Künstler aller Genres zu tiefgehenden Werken inspiriert.
Der Lobgesang der Maria ist ein zentrales biblisches Lied, das uns im Lukas-Evangelium überliefert wird. Der Engel Gabriel kündigt Maria an, dass sie den Sohn Gottes empfangen wird. Nach dieser Botschaft eilt sie zu Elisabeth, die im sechsten Schwangerschaftsmonat ist. Als die beiden Frauen zusammentreffen, erkennt Elisabeth Marias besondere Rolle und Segensfülle, was Maria dazu inspiriert, ihren Lobgesang anzustimmen. Dabei hat das Magnificat nicht nur eine tiefe religiöse Bedeutung, sondern spiegelt auch die gesellschaftlichen und politischen Kontexte der Zeit wider.
Das Magnificat beginnt mit den Worten »Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter« (Lukas 1,46-47). Hierbei wird Marias persönliche Beziehung zu Gott deutlich, die von Dankbarkeit und Freude geprägt ist. Der Lobgesang kann in zwei Hauptabschnitte unterteilt werden:
1.) Dank und Lobpreis (Lukas 1,46-49): Maria preist Gott für seine Größe und seine wunderbaren Taten. Sie erkennt an, dass Gott sie, eine einfache und bescheidene Frau, erwählt hat, um die Mutter des Heilands zu werden. Diese Demut steht im Kontrast zu der hohen Ehre, die ihr zuteil wird.
2.) Soziale Gerechtigkeit und Gottes Macht (Lukas 1,50-55): In diesem Teil des Lobgesangs spricht Maria über die Gnade Gottes, die Generationen überdauert, und über die Umkehrung von Machtverhältnissen. Sie lobt Gott für seine Barmherzigkeit und betont, dass er die Mächtigen von ihren Thronen stürzt und die Niedrigen erhöht. Diese Botschaft hat eine klare politische Dimension und spricht die sozialen Ungerechtigkeiten an, die zur Zeit Jesu weit verbreitet waren.
Das Magnificat hat eine tiefgreifende theologische Bedeutung. Es ist ein Beispiel für den Glauben und das Vertrauen in Gottes Plan. Maria zeigt, dass sie bereit ist, Gottes Willen zu akzeptieren, auch wenn dies persönliche Herausforderungen und Unsicherheiten mit sich bringt. Der Lobgesang ist nicht nur ein Ausdruck von Freude, sondern auch ein prophetisches Wort, das die Erwartungen an den kommenden Messias beschreibt.
Die Themen der Gerechtigkeit und der Umkehrung von Machtverhältnissen sind auch heute noch relevant und inspirieren soziale Bewegungen und den Kampf gegen Ungerechtigkeit. Marias Stimme ist ein Aufruf zur Hoffnung und zur Handlung für eine gerechtere Welt.
Das Magnificat hat im Laufe der Jahr-hunderte viele Künstler und Komponisten inspiriert. Es wurde in zahlreichen musikalischen Vertonungen umgesetzt. In der Liturgie der Kirche wird der Lobgesang regelmäßig in den Abendgebeten (Vesper) verwendet, was seine Bedeutung im christlichen Glaubensleben unterstreicht.
Der Lobgesang der Maria, das Magnificat, ist ein zeitloses Zeugnis des Glaubens, der Demut und der Hoffnung. Seine Botschaft der Freude, der Gnade und des sozialen Wandels bleibt in der heutigen Welt von großer Bedeutung. Maria, als Vorbild des Glaubens, lehrt uns, dass jeder Mensch, egal wie unbedeutend er erscheinen mag, durch den Glauben und die Hingabe an Gott Großes bewirken kann. Das Magnificat ist somit nicht nur ein Lobpreis, sondern auch ein kraftvolles Statement über die Gerechtigkeit und das Eingreifen Gottes in die Geschichte der Menschheit.
Roderich Kreile
(Beitragsbild: Maria mit Kind, Ikone St. Hiob, Pasing)
Artikel aus dem Gemeindebrief Winter 2025, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.
