Kennen Sie dieses merkwürdige Wort? Wohl eher nicht. Macht nichts, denn es gehört auch nicht zur Allgemeinbildung. Der Kongregationalismus ist eine Richtung innerhalb des Protestantismus, der die Eigenständigkeit der einzelnen Gemeinde betont, sich abgrenzt von allen Bestrebungen, die Gemeinde vor Ort von oben her zu bevormunden. In gewisser Hinsicht denke ich kongregationalistisch: Für mich ist die wahre Kirche nicht die Institution mit ihrer Hierarchie und Bürokratie, sondern die Gemeinde, die ich in meinem Ort bzw. Stadtteil erlebe und deren Gottesdienste und Veranstaltungen ich besuche. Es sind die Menschen, die ich dort treffe: Hauptamtliche, Ehrenamtliche, Besucher, regelmäßige und sporadische. Und zu dieser Gemeinde vor Ort gehören auch die zugehörigen Gebäude, allen voran natürlich die Kirche, d.h. ihr Bau, von au-ßen und von innen.
So wie ich selbst denken übrigens die meisten Menschen, die Mitglied in unserer Landeskirche sind. Auch wenn sie buchstäblich nur alle heiligen Zeiten – so an Weihnachten und Ostern – ihre Kirche vor Ort besuchen, empfinden sie jedes Mal ein Stück Heimat, ein Stück Geborgenheit, wenn sie im vertrauten Kirchenraum Platz nehmen, nach vorne zum Altar blicken und die Klänge der Orgel hören. Oder den Pfarrer wiedererkennen, der sie konfirmiert und getraut, ihr Kind getauft und ihren Vater oder die Mutter beerdigt hat. All das ist wenig erstaunlich: So ticken wir eben, wir Menschen. Alle Menschen. Heimat hat für uns mit Personen zu tun und mit Orten. Und nicht mit abstrakten Begriffen und Verwaltungsgrenzen.
Das Thema, das ich in diesem Beitrag anspreche und das unseren ganzen Gemeindebrief durchzieht, ist hochaktuell. Denn in unserer Landeskirche befinden wir uns aktuell in einem Prozess der Umstrukturierung, welche die einzelnen Orts- und Stadtteilgemeinden zu größeren Einheiten zusammenfassen möchte, die den Namen Regionalgemeinden tragen sollen. Im Zuge dieses Prozesses befürchten viele eine Schwächung der bisherigen, über viele Jahrzehnte gewachsenen Gemeinden und für sich selbst einen Verlust von Heimat. Denn wenn die Gemeinde vor Ort die wahre Kirche ist für die Gläubigen, dann kann eine Regionalgemeinde aus beispielsweise sechs Einzelgemeinden für sie keine Alternative sein. Dann geht die Beziehung zu konkreten Menschen und zu konkreten Orten verloren. Dann wird das Wort Kirche zu einem abstrakten, toten Begriff. Es bleibt zu hoffen, dass unsere Verantwortlichen diese Zusammenhänge erkennen und die notwendigen Maßnahmen daran orientieren. Damit unsere Kirche eine Zukunft hat, zuallererst vor Ort, und dann darüber hinaus.
Pfr. Lorenz Künneth
