Maria begegnet uns meistens mit einem Heiligenschein, in Gold statt in braunem, erdigem Ton. Und doch passt es genauso zu der jungen Frau, die nach der Ankündigung des Engels schwanger wird und Jesus zur Welt bringt. Mehr noch: die ihrem neu geborenen Sohn ein Lied singt, das prophetisch vorhersagt, wie dieses Kind als Gottessohn die Welt verändern wird: Die Gewaltigen stößt er vom Thron und die Niedrigen erhebt er aus dem Staub. Das klingt nach mutigem Eintreten für Gerechtigkeit, nach Auseinandersetzung und Konflikt. Die geerdete Maria ist die, von der uns die Bibel erzählt.
Es war die kirchliche Tradition, die sie später vergoldet und auf Altäre gestellt hat. Der Theologe Kurt Marti sieht Maria so: »Und Maria kletterte von ihren Altären herab und sie wurde das Mädchen Courage, die heilig kecke Jeanne d’Arc, Rebellin gegen Männermacht und Hierarchie«. Da wird die Geschichte der Maria spannend. Maria kommt an im Leben – hier und heute. Mutig tritt sie ein für Gerechtigkeit.
Eine Gruppe katholischer Frauen hat das eindrucksvoll umgesetzt und unter dem Titel Maria 2.0 2019 eine Reformbewegung ins Leben gerufen, die die katholische Kirche in Deutschland gerade nachhaltig verändert: weg von zu viel Hierarchie, hin zu mehr Freiheit.
Auch die evangelischen Frauen haben Maria als Vorbild genommen: Als die Kirchenleitung in Bayern 1975 die Einführung der Frauenordination beschloss, hatten sie einen langen Weg hinter sich. Doch an Gottes Wort erkannten sie die besondere Rolle, die Gott Maria zukommen hat lassen und wie wichtig ihm Frauen in seiner Kirche sind. 1935 schlossen sich 10 Theologinnen zum Konvent Bayerischer Theologinnen zusammen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern würdigt 50 Jahre Frauenordination in diesem Jahr 2025. Unser Landesbischof Kopp betont: »Frauen bereichern seit fünf Jahrzehnten mit ihrer Berufung, ihrem Wissen und ihrem großen Einsatz den Pfarrdienst. Ihre Arbeit hat unsere Kirche geprägt, erneuert und gestärkt.«
Für die Katholiken ist Maria als Mutter Jesu und Mittlerin ganz wichtig, während die Evangelischen die Verehrung der Gottesmutter oft misstrauisch betrachten. Martin Luther verehrte Maria. Doch er kritisierte die Marienfrömmigkeit und Anbetung Marias und beteuerte: »Maria will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott, damit gewiss das Werk immer ganz allein Gottes Sache bleibe.«
So ist Maria für immer für alle Christen die erste, die das Evangelium von der Erlösung der Welt vom Engel vernahm und es ertönt der Gesang der Maria in allen Kirchen: »Meine Seele erhebt den Herrn, ich juble zu Gott, meinem Befreier. Denn er tut große Dinge«.
Pfarrerin Lidia Rabenstein
(Beitragsbild: Maria mit Kind, Klaus Backmund 1985, St. Philippus)
Artikel aus dem Gemeindebrief Winter 2025, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.
