Der Glaube kommt aus der Predigt, schreibt der Apostel Paulus in seinem Römerbrief; und erst vor einigen Jahren habe ich entdeckt, dass diese Formulierung bereits eine Interpretation des griechischen Urtextes darstellt. Im Original heißt es nämlich viel allgemeiner: Der Glaube kommt aus dem Hören bzw. im Sinne dieses Gemeindebriefs: Aus dem Zuhören!
Zuhören sollen wir also, und dann kann Glauben in unserem Inneren wachsen. Natürlich kann das beim Hören einer Predigt geschehen: Wenn der Prediger einen biblischen Text erklärt bzw. auslegt, und es bei mir dann klick macht. Aber das ist nur eine Möglichkeit unter anderen. Ich sehe vor allem zwei weitere Formen des Zuhörens, und über die möchte ich jetzt kurz schreiben.
Frage: Haben Sie das auch schon mal erlebt: Da unterhält man sich mit irgendjemandem, entweder ernst oder ganz locker-flockig, und auf einmal sagt mein Gegenüber einen Satz, der bei mir einschlägt wie ein Blitz! Ein Blitz der Erkenntnis: Ja, das isses, das ist die Lösung, das ist die Antwort auf meine Frage, die ich eigentlich Gott gestellt hatte. Gott bedient sich eines ganz normalen Menschen, um mir seinen Willen zu zeigen. Und soundso oft merkt dieser Mensch nicht einmal, dass er just in diesem kurzen Augenblick zum Sprachrohr Gottes, zu seinem Propheten geworden ist. Und weil das so ist, weil Gott durch Menschen redet, nicht nur am Sonntag von der Kanzel, sondern auch am Mittwoch beim Metzger, sollten wir auch im Alltag und bei ganz banalen Gesprächen gut zuhören und darauf vorbereitet sein, dass sie möglicherweise eine göttliche Botschaft enthalten. Und wir so gestärkt und geführt werden in unserem Glauben.
Aber Gott kann auch unmittelbar, direkt zu uns reden, ganz ohne Engel in Menschengestalt. Hören wir dann seine Stimme? Nein, zumindest nicht im akustischen Sinne. Wohl aber als eine Art innere Stimme. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass es um uns herum möglichst ruhig ist. Was gar nicht so einfach ist in unserer Welt permanenter Beschallung. Wie soll ich bitte Gottes Stimme hören, das leise Säuseln des Heiligen Geistes, wenn mich der Knopf im Ohr oder der überdimensio-nierte Kopfhörer, mit dem viele unserer Zeitgenossen durch die Straßen rennen, reizüberflutet, ablenkt, taub macht? Inzwischen verstehe ich, warum so viele Menschen heute auf Yoga abfahren: Es ist der verzweifelte Versuch, zumindest für kurze Zeit einmal einzutauchen in eine andere, stille Welt. Also da tausche ich die Yogamatte doch lieber ein gegen einen Spaziergang im Grünen. Um was zu tun? Etwa um Gott in der Natur zu suchen? Ja, stimmt, da ist er auch, inmitten seiner Schöpfung. Aber wenn dort die Vögel zwitschern, dann kann ich da besser beten und meditieren als auf der Fürstenrieder Straße, zumal in diesen Monaten. Da kann ich still werden und ZUHÖREN!
Der Glaube kommt aus dem Hören. Dem Zuhören. In der Kirche. Im Dialog mit anderen. Im stillen Zwiegespräch mit Gott. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Das ist der echte, der wahre GeHORsam.
Pfarrer Lorenz Künneth
Artikel aus dem Gemeindebrief Herbst 2025, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.

