Weihnachten: Da hat Maria quasi Hochkonjunktur! Zu (fast) keiner anderen Zeit im Jahr ist so viel von ihr die Rede, ja die ganze Weihnachtsgeschichte nach Lukas ist ohne sie überhaupt nicht vorstellbar. Wohingegen ihr Gatte Josef in der Heiligen Nacht doch eher eine Statistenrolle bekommt.
Mit der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel betritt Maria die Bühne der Bibel und der Weltgeschichte. Durch ihre Erwählung zur Mutter des Heilands erhält Maria eine universale Bedeutung, die dann in späteren Jahrhunderten durch die römische Kirche immer noch weiter ausgebaut wurde, in einem Maße, dem die protes-tantische Reformation schließlich ein Basta entgegensetzen musste. Denn gemäß dem Neuen Testament beginnt die Geschichte Mariens zwar tatsächlich mit Weihnachten, zieht sich dann durch die vier Evangelien, endet aber schließlich im ersten Kapitel der Apostelgeschichte, wo die Mutter Jesu einfach nur als Glied der Jerusalemer Urgemeinde erwähnt wird. Von da an wird sie im zweiten Bibelteil nicht mehr genannt, weder von Lukas noch von Paulus noch von irgendeinem anderen Autor.
Trotz dieser nüchternen, bibelfundierten Bestandsaufnahme stellt sich für uns evangelische Christen seit 500 Jahren die Frage, welche Bedeutung Maria tatsächlich hat, welche Bedeutung sie haben soll nach dem Willen Gottes. Die Antwort auf diese Frage entdecke ich persönlich im 1. Kapitel des Lukasevangeliums, in zwei Sätzen, die uns der Evangelist übermittelt. Da sagt nämlich der Erzengel Gabriel zu Maria: »Du hast Gnade bei Gott gefunden.« Und macht uns Lesern so unmissverständlich klar, dass der Herr Maria bewusst auserwählt hat unter allen möglichen potenziellen Frauen jener Zeit. Und auch wenn weder Gabriel noch Gott selbst diese Wahl begründen, so dürfen wir doch annehmen, dass Er gute Gründe dafür hatte: Maria also ist DIE Auserwählte und alles andere als eine Verlegenheitslösung!
Immerhin bekommen wir Leser einen gewissen Einblick in den Charakter dieser jungen Frau, der bei der Wahl Gottes eine Rolle gespielt haben könnte. Denn zu dem Engel gewandt erklärt Maria: »Siehe, ich bin des Herren Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.« Oder etwas moderner formuliert: Ich, Maria, stelle mich Gott vollkommen zur Verfügung und bin bereit, seinen für mich vorgezeichneten Weg zu gehen.
Fazit: Maria ist nicht nur die Auserwählte Gottes, sondern kann und soll uns obendrein als Vorbild dienen – und zwar mit ihrer Bereitschaft, ein Werkzeug in den Händen Gottes zu werden! Wegen dieser beiden Dinge verdient Maria unsere Bewunderung, unseren Respekt, ja vielleicht auch unsere Verehrung. Niemals aber unsere Anbetung, denn diese gebührt Gott allein!
Mit Maria hat Gott vor gut 2000 Jahren etwas völlig Neues geschaffen: Seitdem wird die Geschichte der Menschheit in eine Zeit vor Christus und eine nach Christus eingeteilt, und das praktisch überall auf unserem Planeten. Dass Gott, bei dem laut Jakobus keine Veränderung ist noch Wechsel, dennoch immer Neues schafft, das weiß auch das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung. Dieser Schrift ist die Losung für das Jahr 2026 entnommen, welche lautet: »Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!« Am Ende der Zeiten, aber auch schon auf dem Weg dorthin. Auch in meinem eige-nen kleinen Leben. Wichtigste Voraussetzung dafür: Dass ich werde wie Maria, dass ich Gott sage: Ich bin deine Die-nerin, ich bin dein Diener. Mach was aus mir und meinem Leben. Baue mich ein in deinen großen Plan.
Eine frohe Advents- und Weihnachtszeit und ein gesegnetes Neues Jahr wünscht Ihnen und Euch
Ihr/Euer Pfarrer Lorenz Künneth
(Beitragsbild: Madonna in St. Willibald)
Artikel aus dem Gemeindebrief Winter 2025, dort finden Sie auch weitere Artikel zu dem Thema.
